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Musik drückt das aus,was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.
Victor Hugo (1802 - 1885)

 

Steinway Piano
Foto: kempf-werbegrafik.de

Christian Elsas wehrt sich dagegen, auf die eine oder andere musikalische Epoche als besonderer Kenner oder „Experte“ festgelegt zu werden. Jedes Stück, das er sich vornimmt zu studieren, ist ihm gleich wichtig und wertvoll. Gesamteinspielungen oder Aufführungen beispielsweise aller Sonaten eines Komponisten lehnt er für sich ab, wie im Artikel „Der Solopianist“ bereits in anderem Zusammenhang erwähnt. Es ist die Hochachtung vor dem Komponisten, die ihn zu der intensiven und enorm zeitaufwendigen Beschäftigung mit einer ausgewählten Komposition geradezu bedingungslos auffordert. Aus diesem Grunde fokussiert er sich primär weder auf einen Komponisten oder eine Epoche, sondern immer auf die eine Komposition, die ihm besonders am Herzen liegt. Mag sein, dass es daher rührt, dass er nicht selten als Spezialist für den einen oder anderen Komponisten oder die eine oder andere Epoche angesehen wird, denn die Interpretation der Werke, die er dann präsentiert, ist zwingend, das Ergebnis sorgfältigsten Studiums, jahrelanger Feinarbeit, persönlichen Anliegens und individueller Betroffenheit.

BAROCK  ♫ ♪

„Nicht Bach, Meer sollte er heißen“ bemerkte Ludwig van Beethoven über Johann Sebastian Bach. Bach – das Meer für viele Komponisten, aus dem sie unendlich schöpfen könnenn, aber auch für den ausführenden Künstler, der in dem Meer immer neue, aktuelle Antworten für die Gegenwart findet. So steht auch Bach für Christian Elsas am Beginn, wobei er das Privileg hat, mit der Musik Bachs wie mit seiner Muttersprache aufgewachsen zu sein.
 
 
Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach (1685 - 1750)
 
Bach „extra-dry".
Eindrucksvoll war Christian Elsas’ Auseinandersetzung mit Bachs Klavierkonzerten in f-Moll BWV 1056 und E-Dur BWV 1053. Elsas’ Bach ist, gemessen an den schon wirklich „trockenen“ Wiedergaben Glenn Goulds oder Friedrich Guldas, sozusagen „extra-dry“, nämlich glasklar, fast ohne Pedal gespielt, in keinem Augenblick in irgendeine Art von Romantisierung hineintauchend. Elsas realisiert diese Konzerte gleichsam monologisierend, den Solopart in allen Details durchleuchtend, so, als habe er das lediglich Zwischenbemerkungen einwerfende Orchester gar nicht nötig ... Sein Bach-Spiel ist absolut unsentimental, dabei keineswegs entemotionalisiert – das Melos der langsamen Sätze wird mit seltener Selbstverständlichkeit zum Sprechen gebracht, selbst Verzierungen der Linien werden ins Ausdruckshafte gewendet. Ganz sicher rangiert Elsas, was die Interpretation der Werke Bachs betrifft, in der – wenn das Wort erlaubt ist – „Spitzengruppe“ seiner Generation. (Oberhessische Presse)

 

Unter den Händen des Pianisten [C.Elsas] geriet das Werk des Barockmeisters [Bach] zum Hauptvergnügen des Abends: so klar gegliedert, so völlig ohne einen mechanistischen oder gar „romantischen“ Einschlag tönte der Klavierpart aus dem Flügel, dass selbst der überdehnte Mittelteil des Werks nicht an Attraktivität verlor.  (Frankfurter Rundschau)  



KLASSIK  ♫ ♪



In der Klassik gilt Elsas’ Affinität auch wieder charakteristischerweise vor allen anderen dem herausragenden Fels dieser Epoche, Ludwig van Beethoven, der, unbeirrt von dem, was seine Zeitgenossen komponierten, seinen ganz eigenen Weg ging und je älter er wurde, immer schärfer und kompromissloser seine musikalische Aussage formulierte und hier ähnlich wie Johann Sebastian Bach, seiner Zeit weit voraus war und die nachfolgende Romantik überspringend, seinen musikalischen Bogen gleich zur Moderne spannte. So wundert es nicht, dass Elsas vorwiegend zu ausgewählten Werken Beethovens greift, die diese Entwicklung aufzeigen. Dabei polarisiert seine Interpretation immer wieder sowohl Publikum wie Kritiker, eine Tatsache, die auch schon für Beethoven zu dessen Lebzeiten kennzeichnend war. 

Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven (1770 – 1828)
Karikatur: Johann Peter Lyser
(1804 - 1870), 1825
Nach der Pause folgte Ludwig van Beethovens letzte Sonate c-Moll opus 111. Sie ist wie die letzten Streichquartette ein besonderes Vermächtnis Beethovens und besteht aus zwei gegensätzlichen Teilen: der erste Satz in c-Moll ist kraftvoll kämpferisch, der zweite Satz, eine Arietta in C-Dur mit Variationen, ist wie ein verklärtes Leuchten aus einer anderen Welt. Elsas gestaltete den ersten Satz klar und kraftvoll, den zweiten Satz spielte er mit unvergleichlicher Klangschönheit. Die Musik glänzte und leuchtete in wirklich überirdischem Licht. Diese Musik so zu spielen setzt eine hohe Geistigkeit voraus, eine religiöse Innigkeit, die Beethoven besonders in seinen letzten Lebensjahren erfüllte. Wer die wundervolle Interpretation von Elsas hörte, wäre nie auf die Idee gekommen, wie schwierig dieses Werk zu spielen ist, ... Die Art und Weise wie er aus dem schlichten Thema den großartigen Satz aufbaute, in schönen weichen Bögen zu immer größerer innerer Bewegung, und zuletzt mit glanzvollen Trillern und seltsam transzendenten Klängen nur noch Licht und ein eigenartiges, unfassbares Glänzen darstellte, wurde den Vorstellungen Beethovens voll gerecht und vermittelte ... einmalig Schönes.
(Nordbayerische Nachrichten)


 

ROMANTIK  ♫ ♪


Wanderer im Nebelmeer, 1818
Caspar David Friedrich (1774 - 1840),
Wanderer im Nebelmeer, 1818

In der Kritik gilt Elsas durchwegs als herausragender Interpret für Werke der Romantik. Dies mag daran liegen, dass er einen sehr natürlichen, wenn man so will, ihm wesensverwandten Zugang zum Lebensgefühl dieser Epoche und damit auch zu den in dieser Zeit entstandenen Werken sowohl in der Literatur wie in der Musik besitzt. Es kommt einem vor, als ob mit Elsas ein Mensch der Romantik die Bühne betritt, der, wohl wissend um die Probleme der heutigen Zeit, sein Publikum im Alltag abholt und mit einer unverwechselbaren Selbstverständlichkeit in diese völlig andere Welt entführt. Man findet bei ihm aus diesem Grund keinen auf Äußerlichkeiten abzielenden aufgesetzten oder gar verkitschten Schmalz, weil er nicht nur die oberflächliche Empfindungsebene der Zuhörer erreichen möchte. Sein ureigener Weg führt direkt zum Herzen seines im Saal sitzenden Gegenübers und lässt es den kostbaren Reichtum dieser Schatztruhe bewundern, die er mit dem Schlüssel der Natürlichkeit öffnet. Der Sachlichkeit wird hier als Elixier die Schönheit gegenübergestellt, die die Natur für die Menschen bereithält. Die morgendlich aufwallenden Nebel, das erste Vogelgezwitscher, womit der anbrechende Tag begrüßt wird, ein Gewitter, das Tiere schon lange vor dessen Ausbruch spüren, die besänftigende Abendstimmung, wenn die dunkelrote Sonne hinter den Bergen verschwindet und mit warmem Licht den Himmel in faszinierenden Farbtönen schillern lässt, die hereinbrechende Nacht, die sowohl beruhigend wie auch beängstigend je nach Stimmungslage wirken kann selbst bei völliger Dunkelheit, die fein gefiederten Blätter eines Strauches, die kunstvolle Verästelung eines Baumes, die unglaubliche Farbenpracht der Blumen – all dies und viel mehr möchte Christian Elsas mit seinem Spiel dem Zuhörer nahebringen, ihn bewegen und berühren. Für ihn ist diese Sicht der Dinge lebenswichtig, er braucht sie, um Kraft zu sammeln, die nackte, manchmal sogar brutale Realität durchzustehen und so zu überwinden.

Christian Elsas
Foto: Gottfried Heinrich
Die Natur ist das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bietet.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)


Hier befinden wir uns im Zentrum des Menschen Christian Elsas, dem neben der persönlichen Zuwendung zum Mitmenschen sowie den Tieren als Eigenart mitgegeben wurde, die gesamte Natur mit solchen Augen zu sehen.
Der bekannte Liederkomponist Norbert Schultze erkannte dies bereits beim jungen Elsas, als dieser in Westerland gastierte und forderte ihn auf, auf jeden Fall diesen Weg weiterzugehen mit den Worten: „Christian, wie du da auf die Bühne kamst, fühlte ich mich allein durch dein Auftreten ein Jahrhundert zurückversetzt, du musst unbedingt viel Romantik spielen, das passt zu dir wie maßgeschneidert.“

Strukturelle Gliederung und schwelgerische Romantik, zwei Pole, die unvereinbar erscheinen? Nicht so bei Elsas, im Gegenteil; er benutzt die strukturelle Auffächerung, um den Zuhörer möglichst anstrengungslos mit klarer Orientierung am kompositorischen Geschehen teilhaben zu lassen, unübersichtlicher Schwulst ist hier nicht zu hören. Nicht selten werden dadurch Elsas’ Interpretationen durch ihre klare Formulierung als zwingend und einleuchtend empfunden. Es gelingt ihm dabei, den wesentlichen Kern der Romantik, die tief empfundene Innerlichkeit, genau zu treffen, die dann auch den Menschen in der Jetztzeit etwas sagt, sie bewegt und berührt.  

f611Caspar David Friedrich (1774 – 1840), Der Mönch am Meer, 1808 oder 1810

 


Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf andere von außen nach innen.
Caspar David Friedrich (1774 - 1840)

 

Karikatur Johannes Brahms

Johannes Brahms (1833 – 1897) am Flügel
Zeichnung: Willy von Beckerath (1868 - 1938)


Beglückende Liebeserklärung und ungestüme Burschen.
Elsas ist ein außergewöhnlicher Pianist, bei dem manches widersprüchlich erscheint. Seine Körperhaltung während des Spiels lässt kaum etwas davon erkennen, dass er mit Leib und Seele in die Musik eintaucht. Und doch ergründet er die Tiefen des Notentextes, deutet mit Hingabe aus, wie er das Ansinnen des Komponisten verstanden hat. So konnte dem Publikum tatsächlich warm werden, als er sich „Am Kamin“ der Kinderszenen widmete, konnte man im Carnaval tatsächlich die Schmetterlinge übermütig tanzen sehen.
Die f-Moll Sonate, verfasst von einem gerade einmal 20jährigen (Johannes Brahms), hat gewaltige Züge, die eher an eine große Sinfonie denn an ein Klavierwerk erinnern. Sie fordert den Pianisten zur Gänze, den Poeten ebenso wie den Virtuosen, den Techniker wie den Romantiker. All dem konnte Elsas mühelos gerecht werden. Der zweite Satz geriet ihm beglückend schön, dass man sich fast fragen wollte, wer hier eigentlich Clara eine Liebeserklärung unterbreitet. Das Finale war ungestüm, und es hätte nicht verwundert, wenn auf einmal Burschen Einzug in den Saal gehalten hätten. Ein großartiges Konzert.
(Trierer Volksfreund)