Exkurs
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| Klement Slavický (1910 – 1999), Künstlerfoto |
Hier sei stellvertretend beispielsweise der glutvolle Klement Slavický genannt, der bei privaten Besuchen weder in seiner Wohnung noch in einem öffentlichen Lokal irgendetwas sagte, sondern ausschließlich bei Spaziergängen im Park oder auf der Straße. Slavický, zunächst ausgezeichnet und in einflussreicher Stellung u.a. im Rundfunk, war durch die kommunistische Partei wegen seines politischen Standpunkts ab Ende der 1940er Jahre in die Isolation getrieben worden; er wurde gezwungen seine Stellungen aufzugeben, wurde aus dem Komponistenverband ausgeschlossen, seine Werke wurden nicht mehr verlegt, durften in seinem Heimatland nicht aufgeführt werden, die gedruckte Auflage eines seiner Meisterwerke, die „Drei Kompositionen für Klavier“ wurde komplett zerstört.
Er war vom öffentlichen Musikleben der Tschechoslowakei ausgeschlossen. Elsas führte besonders in Dänemark und Deutschland immer wieder eine seiner Sonaten für Klavier auf. 1985 wurde der Komponist dann mit der UN-Gold-Gedenkmedaille und einem persönlichen Brief des ehemaligen UN-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar ausgezeichnet für eine Komposition, die er zum 40. Jahrestag der Gründung der Organisation der Vereinten Nationen geschrieben hatte. Etwa zur selben Zeit, Slavický war schon in hohem Alter, sollte er in seinem Heimatland rehabilitiert und auch ausgezeichnet werden, was er dann aber rigoros ablehnte, zu groß war seine Verbitterung. Erst als im November 1989 eine neue Ära in der gesamten tschechoslowakischen Gesellschaft begann, konnte Klement Slavický mit 79 Jahren sein Comeback ins öffentliche Leben feiern.
Die folgende “Sonate per pianoforte” von dem Tschechen Klement Slavický, mit machtvoller Einleitung und beinahe dämonischer Wildheit, gepaart mit sanfter Grazie, gab Elsas Gelegenheit, sowohl seine unbestreitbare Technik als auch seine Musikalität in einem rapiden und stark nuancierten Spiel zu demonstrieren. In den langsamen Sätzen wurde eine große künstlerische Höhe erreicht, und sie endete mit einem “auf Teufel komm‘ raus” Molto vivo, voller leichter Läufe und spielerischer Erfindungen, die den Ausübenden auf eine harte und glanzvoll bestandene Probe stellte. (Fyens Stiftstidende, Odense)
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| Luboš Fišer (1935 – 1999), Künstlerfoto |
Elsas begann früh, Werke Fišers in seinen Konzerten zu spielen und bis zum heutigen Tag setzt Elsas immer wieder Werke von ihm auf seine Programme. Auch hier griff Elsas wieder zu einem Komponisten, der in seiner Tonsprache seiner Zeit weit voraus war, glasklar formulierend und alle Register der Emotionen ziehend von tiefer Trauer bis zu schrillem Entsetzen.
Von seiner besten Seite zeigte sich der Pianist dann (noch einmal) bei der abschließenden Sonate Nr.4 von Fišer, ein Werk, dessen Konfrontation von meditativen Passagen und wilder Rohheit, die wie ein Peitschenhieb in die ersteren fuhr, er mitreißend verdeutlichte.
Durch den engen Kontakt zu Klement Slavický entwickelte sich später dann auch ein intensiver Kontakt zu seinem Sohn, dem vielfach ausgezeichneten Milan Slavický (1947 – 2009), der in den verschiedensten hochrangigen Positionen wirkte, wie etwa lange Zeit als Musikdirektor beim größten tschechischen Schallplattenlabel Supraphon, später als Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in Prag und Gastprofessor an der Prager Universität von New York sowie als Dramaturg der Tschechischen Philharmonie, stellvertretender Direktor und stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes. Anlässlich der deutschen Erstaufführung eines seiner Werke durch Christian Elsas ließ es sich Milan Slavický nicht nehmen, nach Deutschland zu reisen, um dabei zu sein.Daneben bestand ein lebenslanger persönlicher Kontakt zu Ctirad Kohoutek (1929 – 2011), dem langjährigen Professor für Komposition an der Akademie der musischen Künste in Prag (1980 – 1990) und Direktor der Tschechischen Philharmonie (1980 – 1987). Besonders ein Werk Kohouteks findet sich in Elsas festem Repertoire und 1989 wagte er das unerhörte Experiment, den Tschechen Kohoutek auch anlässlich eines Konzertes im slowakischen Bratislava unter Anwesenheit des Komponisten aufzuführen. Noch heute erinnert sich Elsas deutlich an die große Nervosität Kohouteks anlässlich dieser Aufführung.
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| Foto: Gottfried Heinrich |
Das Wunder der Lautlosigkeit
Der Fortschritt geschieht heute so schnell, dass, während jemand eine Sache für gänzlich undurchführbar erklärt,
er von einem anderen unterbrochen wird, der sie schon realisiert hat.
Albert Einstein (1879 – 1955)
Aber nicht nur die Möglichkeiten der Formung des Tons durch den Pianisten ist bemerkenswert, schon das Instrument Klavier/ Flügel ist faszinierend und ein wahres Wunderwerk der Ingenieurskunst, eine Tatsache, die man sich seltener bewusst macht, zu selbstverständlich ist das „Funktionieren“ des Flügels geworden, selbst wenn man mitunter auch bei Konzerten so manche Überraschung mit dem jeweiligen Instrument erlebt.
In diesem Zusammenhang gebe ich jetzt einmal in einem Exkurs Dieter Hildebrandt das Wort, der über
Das Wunder der Lautlosigkeit
in humorvoller Weise berichtet.![]() |
| Blick auf den zweichörigen Saitenbezug eines Flügels – unten die Hammerköpfe, oben die Dämpfer |
Was hier wie eine Mafia-Story kurzgefasst wurde, ist der Weg der Tonerzeugung auf dem Flügel (wobei andere wichtige Elemente wie Fänger oder Feder noch nicht einmal berücksichtigt sind). Das Klavier ist nämlich nicht nur ein Klangkörper, sondern auch eine hochkomplizierte Maschine. Wer Klavier spielt, setzt wahrhaft alle Hebel in Bewegung. Wir haben der banausischen Versuchung nicht widerstehen können, auszurechnen, was an „Teilchenbeschleunigung“ in einigen konkreten Fällen stattfindet. So zeitigt das Prélude Nr.8 von Chopin in anderthalb Minuten (Pollini) achttausend Bewegungen; vierzigtausend werden von Schumanns Toccata (op. 7) in knapp fünf Minuten verlangt (Horowitz, der den ersten Teil nicht wiederholt); und ein Riesenwerk wie die Hammerklaviersonate beansprucht das Instrument mit nahezu einer Viertelmillion Mobilmachungen.

Aber eben dass von allen diesen Schwüngen und Stößen, diesem Niederfallen und Aufsetzen, dem Anheben und Anhebeln, dass von all diesen hölzernen Bewegungen und drahtigen Hüpfern nicht ein Laut zu hören ist, dass dieses ganze Stabgestänge keins der Geräusche von sich gibt, auf die es doch Anrecht hätte (Klappern, Knarren, Ächzen, Quietschen, Reiben, Schurren, Scheppern), das ist das Märchenhafte der (gut funktionierenden) Mechanik. Und wenigstens einmal sollen jene Teile hier zu Wort kommen, die da für Diskretion sorgen wie stumme Diener in einem großen Schloss: Stoßzungenprallpolster und Abstellpuppenleder, Dämpferpralleistenfilz und Dämpferabheberleistenfilz, Hebegliedfußfilz und Hammerruheleistenfilz (und manches andere mehr).
In der meisterlichen Ausarbeitung dieser Mechanik zeigt sich das Pianoforte abermals als ein Kind des achtzehnten, als ein Held des 19. Jahrhunderts. Über tausend Patente hat Rosamund T. Harding allein bis 1851 gezählt. Im Klavier, nicht zuletzt in seiner Mechanik, haben sich anderthalb Jahrhunderte ein Denkmal gesetzt. Auf diesem kleinen Terrain haben sich Tüftler und Träumer versucht, Spieler und Spinner, Tischler und Gerber, Mechaniker und Musiker. Neben dem Ingenieurgeist des 19. Jahrhunderts findet sich im Klavier auch die Ingenuität des Säkulums, nein, sagen wir besser: sein Ingenium.“
(zit. nach: Dieter Hildebrandt, Pianoforte oder Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert, München 1988)
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„ ...nahezu eine( ) Viertelmillion Mobilmachungen.“ |
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Gesellschaftliches Engagement
Jeder von uns hat, kurz gesagt,
die Möglichkeit zu begreifen,
dass auch er, sei er noch so bedeutungslos und machtlos,
die Welt verändern kann.
Jeder aber muss bei sich selber anfangen.
Würde einer auf den andern warten,
warten alle vergeblich.
Vaclav Havel (1936 – 2011)
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| Foto: Werner Rensing |
Wenn auch das Lebenszentrum Christian Elsas’ in der Musik besteht, lebt er nicht blind und taub außerhalb der Gesellschaft, sondern ist bestrebt, mit seiner Musik auch für gesellschaftliche Themen zu sensibilisieren, auf Missstände hinzuweisen und auch selber etwas an Veränderung zu gestalten, sei es im Privatleben oder auch auf der Bühne.
Auf der Bühne geht sein Engagement dabei von fokussierten Programmen und Projekten bis hin zu Konzerten, wo er einfach nur Freude mit und Zugang zu seiner Musik in Personenkreise bringen möchte, die gegen das gesellschaftliche Abseits anzukämpfen haben. Gerade dort, so stellte Elsas fest, kann Musik zu einem besonderen Erlebnis werden und Brücken bauen.
Dinge, die ihm wichtig sind, finden zudem ihren Niederschlag in speziellen Programmen, vor allem im Bereich der literarisch-musikalischen Veranstaltungen, um die jeweilige „Botschaft“ gleich in zwei Genres auf verschiedenen Ebenen emotional erfahrbar zu machen.
Auch Werke von ihm hoch geschätzter Komponisten, die in der öffentlichen Wahrnehmung eher eine Randstellung einnehmen oder solche, die in ihren Heimatländern nicht aufgeführt werden durften oder dürfen, finden immer wieder Eingang in seine Programme, um hier ein kleines Stück weit zu helfen (vgl. Repertoire S. 2 Exkurs).
Veranstaltungen mit gesellschaftspolitischem Schwerpunkt
- Projekte mit Kindern und Jugendlichen, um sie, dem jeweiligen Lebensalter entsprechend, spielerisch leicht an die ihnen bisher z.T. unzugänglich fremde Welt der klassischen Musik und das Instrument Klavier heranzuführen.
- Projekte in der Kombination von Wort und Musik, die für Kinder, Jugendliche sowie die gesamte Familie – je nach Bedarf – konzipiert sind, wie etwa Märchen berühmter Schriftsteller, die alle drei Zielgruppen ansprechen, natürlich aber, dem jeweiligen Lebensalter entsprechend, spontan völlig unterschiedliche Bilder und Assoziationen erwecken.
- Projekte zu den Gedenktagen 9. November und 27. Januar.
- Projekte zu sonstigen Gedenktagen.
Veranstaltungen mit sozialem Schwerpunkt
- Projekte um soziale Ausgrenzung zu überwinden, wofür Musik als internationale Sprache hervorragend geeignet ist. Zielgruppen sind hier insbesondere Behinderteneinrichtungen, in denen dieses Medium als Therapie in den Tagesablauf eingegliedert ist. Faszinierend ist für Elsas immer wieder, wie emotional direkt die Bewohner reagieren und damit ein ungewöhnlich intensives Miteinander-Erleben der Musik ermöglicht wird.
- Projekte zur Verschönerung des Lebensabends von Senioren; hier haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte einstündige Veranstaltungen in der Kombination von Wort und Musik – dargeboten im Wortanteil in persönlicher, lockerer Moderation - besonders bewährt.
Weitere Schwerpunkte
Es gibt nichts Gefährlicheres auf der Welt als fanatische Ideen.
Charles Maurice Talleyrand (1754 – 1838)
Hier soll für Toleranz geworben und auf die Gefährlichkeit von Fanatismus hingewiesen werden. Gerade dieser hat die fatale Eigenschaft, auch beim Verfolgen eines „guten Zieles“ dieses mehr oder weniger aus den Augen zu verlieren.
Das „gute Ziel“ wird dadurch schlechter, im schlimmsten Falle gerade wegen der konzessionslosen Forderung der Umsetzung des jeweiligen Zieles – eine bestimmte Form des Fanatismus -, überhaupt nicht vom Gegenüber erkannt und kann schon allein deshalb nicht angenommen werden.
Erfolg für die Sache wird es wahrscheinlich nur geben, wenn man die Gegenseite überzeugt, nicht wenn man unter Gleichgesinnten mit erhobenem Zeigefinger oder gar mit persönlicher Schneidung Andersdenkender agiert.
Im Gegenteil, das Abholen des Gegenübers bei dessen Position scheint Elsas die Grundvoraussetzung zu sein, um in kleinen Schritten Überzeugungsarbeit so zu leisten, dass Zwischenstationen von beiden Seiten gemeinsam getragen und in die Realität umgesetzt werden können.
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| Foto: Gottfried Heinrich |
„Wenn die Vernunft häufiger ihre Stimme gegen den Fanatismus erhebt, dann kann sie die künftige Generation vielleicht toleranter machen, als die gegenwärtige ist: und dann wäre schon viel gewonnen.“
Friedrich der Große (1712 – 1786)
Folgerichtig sind Kompromisse nötig, die von beiden Seiten als Zwischenstufe voll bejaht werden können, um pragmatisch Stück für Stück dem Ziel näher zu kommen.
Faule Kompromisse oder rein verbale Kraftakte dürften eher kontraproduktiv sein.
- Projekte Krieg als Friedensstifter? (vgl. z.B. Projekt „Tanz auf dem Vulkan“)
- Projekte zur Integration unserer ausländischen Mitbürger.
- Projekte zur Förderung seriöser Tierschutzorganisationen. Schwerpunkt: Hunde und sogenannte „Nutztiere“.
- Projekte zur Unterstützung des Bewußtwerdungsprozesses der Verantwortung gegenüber Natur und Umwelt (vgl. z.B. Projekt „Schöpfung – Natur – Umwelt“).
Wettbewerbe und Prüfungen. Eine Glosse.
Die Zeit beschert uns viele Genies.
Hoffen wir, es sind ein paar Begabte darunter.
Stanislav Jerzy Lec, (1909–1966), »Unfrisierte Gedanken«
Hector Berlioz (1803 – 1869) Der verrückt gewordene Flügel
Die Prüfungen am Konservatorium haben begonnen. Am ersten Tag nahm Herr Auber, um gleichsam den Stier bei den Hörnern zu fassen, die Klavierklassen vor. Die unerschrockene Jury, die beauftragt war, die Preisbewerber zu hören, vernimmt ohne merkliche Erregung, daß es einunddreißig an der Zahl sind, achtzehn Damen und dreizehn Herren. Für den Wettstreit ist das g-moll-Konzert von Mendelssohn gewählt. Wenn also nicht etwa einen der Kandidaten während der Sitzung der Schlag rührt, so wird das Konzert einunddreißigmal hintereinander gespielt; das weiß man. Was man aber noch nicht weiß und was ich selbst vor wenigen Stunden noch nicht wusste..., das hat mir heute morgen ein Pedell des Konservatoriums erzählt:
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| Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 – 1847) Karikatur: © BUBEC (*1938) |
„Ach! der arme Erard!“ sagte er, „so ein Unglück.“
„Erard, was ist ihm passiert?“
„Wie, waren sie denn nicht in der Klavierprüfung?“
„Nein, was ist denn geschehen?“
„Denken Sie sich nur, Herr Erard war so liebenswürdig, uns für den Tag einen prachtvollen Flügel zu leihen, den er eben fertiggestellt hatte und den er zur Weltausstellung nach London schicken wollte... Eine herrliche Tonfülle, noch nie gehörte Gewalt der Bässe, kurz ein ganz außergewöhnliches Instrument. Nur die Tasten gingen ein bißchen schwer, aber gerade deswegen hat er ihn uns geschickt. Erard hatte sich gesagt: Wenn die einunddreißig Schüler ihr Konzert heruntertrommeln werden sie die Tasten meines Flügels schon aufmuntern, und das kann ihm nur gut tun...
Der erste Schüler erscheint also, und da er findet, daß der Flügel ziemlich schwer geht, greift er ihn kräftig an, um Ton herauszuholen. Der zweite ebenso. Beim dritten sträubt sich das Instrument nicht mehr so sehr; beim fünften noch weniger. Wie es der sechste gefunden hat, weiß ich nicht; in dem Augenblick, da er auftrat, mußte ich für einen unserer Herren Preisrichter, dem schlecht geworden war, ein Fläschchen Äther holen. Als ich zurückkehrte, war der siebente gerade fertig, und wie er vom Podium kam, hörte ich ihn sagen: „Der Flügel geht ja gar nicht so schwer; im Gegenteil, ich finde ihn ausgezeichnet, in jeder Hinsicht vollkommen.“ Die zehn bis zwölf folgenden Bewerber waren derselben Ansicht; die letzten behaupteten sogar, daß der Anschlag nicht nur nicht zu schwer, sondern vielmehr zu leicht sei.
Gegen dreiviertel auf drei waren wir bei Nr. 26 angelangt, um zehn Uhr hatte man angefangen; an der Reihe war Fräulein Hermence Lévy, der schwergehende Klaviere ein Greuel sind. Sie konnte sich's also gar nicht besser wünschen; sie hat uns denn auch das Konzert so leichtfingerig heruntergespielt, daß sie glatt den ersten Preis bekam. Wenn ich sage glatt, so ist das nicht ganz richtig: Sie hat ihn mit Fräulein Vidal und Fräulein Roux geteilt. Auch diesen beiden Damen kam die Leichtigkeit der Klaviatur zustatten; sie fing sich schon zu bewegen an, wenn man sie bloß anhauchte. Ist jemals so ein Flügel gewesen? Als Nr. 29 vorspielte, mußte ich wieder fort, um einen Arzt zu holen; ein anderer Preisrichter hatte einen bedenklich roten Kopf bekommen und mußte notwendig zur Ader gelassen werden. Ja, die Klavierprüfung ist kein Spaß, und als der Arzt kam, war es höchste Zeit. Wie ich in den Saal zurückkehre, sehe ich Nr. 29, den kleinen Planté, ganz bleich von der Bühne kommen; er zitterte am ganzen Leibe und sagte: „Ich weiß nicht, was mit dem Flügel ist, aber die Tasten bewegen sich ganz von selbst, wie wenn drinnen jemand säße, der die Hämmer anstößt. Ich fürchte mich.“
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| Érard Flügel |
„Ach Unsinn, mein Junge, du redest dir etwas ein“, antwortete der kleine Cohen, der drei Jahre älter ist. „Laßt mich durch, ich fürchte mich nicht.“
Cohen (Nr. 30) geht hinein; er setzt sich an den Flügel, ohne die Klaviatur anzusehen, spielt sein Konzert sehr gut, und nach dem letzten Akkord, wie er eben aufsteht – fängt da nicht der Flügel das Konzert ganz allein wieder von vorne an?! Der arme junge Mensch hatte vorher den Helden gespielt; aber jetzt, nachdem er einen Augenblick versteinert gestanden hatte, lief er davon, so schnell er nur konnte. Der Flügel, dessen Ton von Minute zu Minute stärker anschwillt, läßt sich nicht stören und spielt seine Tonleitern, Triller und Arpeggien herunter. Das Publikum, das niemand am Instrument sieht, gerät überall im Saal in Bewegung. Nur ein Preisrichter, der hinten aus seiner Loge die Bühne nicht sehen konnte, ... schrie sich die Lungen aus: „Genug, genug, lassen Sie Nr. 31, den Letzten, kommen.“ Wir mußten es ihm erst zurufen: Es spiele niemand, der Flügel hat sich an das Mendelssohnsche Konzert gewöhnt und trägt es ganz allein ... vor. Sehen Sie doch nur! ...
Wir suchten nach Herrn Erard. Während dessen wurde dieser niederträchtige Flügel mit seinem Konzert fertig und fing es wieder von vorn an, attacca, ohne eine Minute zu verlieren, und so immerfort, immerfort mit größerem Lärm, als wären es vier Dutzend Klaviere im Unisono; Läufe, Tremolos, Passagen in Sexten und Terzen mit verdoppelter Oktave, zehnstimmige Akkorde, dreifache Triller, ein Platzregen von Tönen, das Pedal, der Teufel und seine Großmutter.
Herr Erard erscheint; umsonst, der Flügel, der ganz von Sinnen ist, will sich auch seiner nicht entsinnen. Er läßt Weihwasser bringen und besprengt die Tasten damit, keine Wirkung; ein Beweis, daß keine Zauberei im Spiele, sondern daß es eine natürliche Folge der dreißig Wiederholungen eines und desselben Konzertes war. Das Instrument wird auseinandergenommen, die Klaviatur, die noch immer auf- und niedergeht, herausgehoben und mitten auf den Hof der Gerätekammer geworfen, wo der wütende Erard sie mit Beilhieben zerschlagen läßt. Leicht gesagt!
Nun war's noch schlimmer, jedes Stück tanzte, hüpfte, zappelte für sich, auf den Pflastersteinen, zwischen unsern Beinen hindurch, an der Mauer empor, überall und so toll, daß endlich der Schlosser der Gerätekammer die ganz verrückt gewordene Mechanik zusammenraffte und sie in sein Schmiedefeuer warf, um der Sache ein Ende zu machen. Armer Erard! Ein so schönes Instrument! Es schnitt uns allen ins Herz!“
(zitiert nach Karl Storck, Musik und Musiker in der Karikatur und Satire. Eine Kulturgeschichte der Musik aus dem Zerrspiegel, 1998, Nachdruck der Ausgabe Oldenburg 1910)












